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Der bekannte Schweizer Kynologe Hans Räber meint dazu: "Die Frage die noch heute in der Hundezucht nicht befriedigend gelöst ist, ist die Abgrenzung der verschiedenen Rassen untereinander. Um dies an einem konkreten Beispiel zu zeigen: Der grosse, weisse und langhaarige Hirtenhund, der überall vorkam wo der Mensch Vieh, vor allem Schafe und Ziegen, oberhalb der Baumgrenze weidete, wird heute (in viele Rassen) aufgeteilt. Die Unterschiede sind so gering und die Übergänge von einer Rasse zur anderen so fliessend, dass oft nur der Stammbaum darüber Auskunft gibt, welcher Rasse nun ein bestimmter Hund angehört. Es handelt sich bei dieser Aufsplitterung um eine sehr subjektive Rassendefinition, deren Berechtigung angezweifelt werden kann, denn es ist fraglich, ob der Gen-Bestand bei diesen weissen und langhaarigen Hirtenhunden so gross ist, dass er eine Unterteilung in verschiedene Rassen rechtfertigen kann, oder ob damit nicht der Gen-Austausch in unverantwortlicher Weise unterbunden und Inzuchtschäden Vorschub geleistet wird." Hans Räber weiter: "DIE MEINUNG DER BASTARD SEI GESÜNDER, INTELLIGENTER UND LANGLEBIGER ALS DER RASSEHUND, GEWINNT MEHR UND MEHR AN BODEN, NICHT ZULETZT AUCH DESHALB, WEIL BEI EINIGEN HUNDERASSEN HEUTE FALSCHE ZUCHTZIELE IM VORDERGRUND STEHEN. Es treten Erbdefekte auf, die mittel- oder unmittelbar mit einem falsch verstandenen Schönheitsbegriff verbunden sind. Übertreibungen von spezifischen Rassenmerkmalen führen zu anatomischen Defekten". "Die Züchter müssen umdenken und vermehrt die Gesundheit der von ihnen gezüchteten Hunde in den Vordergrund stellen. Es muss dem Hundezüchter zu denken geben, dass es heute schon zahlreiche Biologen gibt, die der Meinung sind, das Zeitalter der reinen Rassen in der Haustierzucht sei vorbei. HUNDERASSEN SIND ALTES KULTURGUT UND EBENSO ERHALTUNGSWÜRDIG WIE IRGENDEINE SKULPTUR, EIN GEMÄLDE ODER EIN GEBÄUDE. Es soll auch in Zukunft der Hundefreund aus der Vielfalt der Rassen denjenigen Hund wählen können, der am besten zu ihm passt". "DIE WICHTIGSTE AUFGABE DES HEUTIGEN HUNDEZÜCHTERS LIEGT ABER SICHER DARIN, KÖRPERLICH UND PSYCHISCH GESUNDE HUNDE ZU ZÜCHTEN, HUNDE DIE EIN MÖGLICHST HOHES ALTER BEI GUTER GESUNDHEIT ERREICHEN. NUR DANN HAT DER RASSEHUND EINE GESICHERTE ZUKUNFT." |
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DIE REINZUCHT
Die Idee reinrassige Hunde zu züchten stammt in Europa an sich bereits aus dem Mittelalter, betraf aber lange Zeit nur die vom Adel hochgeschätzten Jagdhunde. Auch bei diesen bezog sich aber die Vorstellung von Reinheit auf ihre Fähigkeiten und nicht auf ihr Äusseres. Auf den Gedanken die gemeinen Arbeitshunde der einfachen Bauern zu vereinheitlichen kam man erst anfangs des 20. Jahrhunderts.
Durch die damaligen Züchter wurde zweifellos eine erhebliche Veredelung des vorher recht durchmischten Hundebestands erreicht. Gleichzeitig und bis zum heutigen Tage, wurde aber auch die genetische Vielfalt dramatisch eingeschränkt, insbesondere durch die, ästhetisch zwar verständliche, aber genetisch äusserst bedauerliche Beschränkung auf bestimmte Farbschläge.
Diese Spezialisierung bedeutete eindeutig den Anfang vom Untergang der betroffenen Rassen, die ihren Höhepunkt im heutigen Wahn der Symmetrie und der zentimetergenau definierten Bemusterung erreicht hat, die wir bei den Bewertungskriterien gewisser Rassen finden. Das Resultat sind kurzlebige, kranke, wesensschwache Hunde, die ganz toll aussehen.
Wenn man dazu noch in Betracht zieht, dass die heutigen Hunderassen sich oft auf fast unvorstellbar kleine Gruppen von Vorfahren zurückführen lassen, grenzt es an ein Wunder, dass sie so lange überlebt haben.
Hier können die Zentralasiaten für die moderneren, auf wesentlich kleineren bis kleinsten Ursprungs-Beständen aufbauenden Hirtenhunderassen vielleicht eine Rolle spielen. Tatsächlich sind die Hunde wohl die einzigen Haus- und Nutztiere, bei denen absolut stur seit über hundert Jahren Reinzucht, oder noch schlimmer Linienzucht, erzwungen worden ist. Bei allen anderen Haustierrassen ist immer wieder Blut aus verwandten Rassen eingesetzt worden. Selbst bei den Pferden. Sei es einfach zur Blutauffrischung, sei es um die Qualitäten einer Rasse wechselnden Ansprüchen anzupassen.
Wahrscheinlich ist dieser Dogmatismus damit zu erklären, dass gleichzeitig die meisen Rassen ihre angestammte Arbeitsfunktion verloren haben und vor allem Haus- und Vorzeigetiere geworden sind. Eine der unglücklichen Konsequenzen dieser Entwicklung, heute aktueller denn je, ist dass sich immer weniger Hundehalter die Frage stellen für welche Arbeit, für welche Lebensbedingungen, ihre Gefährten ursprünglich geschaffen wurden. So kommt es zu absurden Situationen, wie Huskies in Wohnungen, oder Jagdhunde als Wanderbegleiter etc.
Historische gesehen darf man auch nicht vergessen, dass die Idee der rassischen Reinheit bei Hunden im selben Moment und wahrscheinlich in den selben Köpfen entstanden ist wie die verderbensbringende Ideologie der rassischen Reinheit bei den Menschen.
Die ursprünglichen Zentralasiatischen Hirtenhunde sind, wie in diesem Text mehrfach ausführlich besprochen, die wohl noch einzige Hirtenhunderasse die ein so urtümliches genetisches Potential besitzt welches auch durch die Grösse ihres Ursprungsgebiets breit genug abgestützt ist, um eine Reinzucht zu rechtfertigen. Da dieser einmalige genetische Urbestand akut gefährdet ist, drängt sich dies um so mehr auf.